Springe direkt zum: Inhalt

Erste Schritte zu einem gemeinwohlorientierten KI-Projekt - Civic Coding – Innovationsnetz KI für das Gemeinwohl

Erste Schritte zu einem gemeinwohlorientierten KI-Projekt

Nachbericht  zum 1. Civic Coding-Forum

Ein KI-Tool, das Texte automatisiert in Leichte Sprache umwandelt und ein Orchester, in dem Roboter auf echten Instrumenten Musik spielen, die von einer Künstlichen Intelligenz komponiert wurde: Diese beiden Projekte zeigen, wie vielfältig die Einsatzmöglichkeiten von gemeinwohlorientierten KI-Anwendungen sind. Doch wie entstehen solche innovativen Projektideen? Dieser Frage ging unser erstes Civic Coding-Forum am 12.10.2023 nach.

Unter dem Titel „Mut zur Idee – wie kann man KI fürs Gemeinwohl nutzen?“ haben wir gemeinsam mit Expert*innen aus der Praxis den Prozess der Ideenfindung beleuchtet. Moderatorin Nora Zupan von der Civic Coding-Geschäftsstelle hat im virtuellen Austausch mit ihnen darüber gesprochen, was sie zur Projektidee inspiriert hat und welchen Herausforderungen sie begegnet sind.

Lars Klöser und Prof. Bodo Kraft von der Fachhochschule Aachen stellten ihr Projekt „Erstellung und Analyse Leichter Sprache durch Künstliche Intelligenz“ („ErLeSen“) vor. In diesem Projekt entwickeln sie eine KI-Anwendung, die Texte im Internet in „Leichte Sprache“ umwandelt. Ziel ist es, die Anwendung auf einem Webportal der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen.

„Das Forschungsgebiet Natural Language Processing bietet mit Large Language Models (LLM) und generativer KI die technologische Basis für das Projekt ErLeSen.“

Lars Klöser, M. Sc., Projektleiter ErLeSen

Leichte Sprache kann Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen oder geringen Deutschkenntnissen den Zugang zu Informationen ermöglichen, der ihnen bei komplexen Texten oft verwehrt bleibt. Dadurch verbessert sich ihre gesellschaftliche Teilhabe.

„Unternehmen und Behörden kommunizieren meist informell, also textbasiert. Leichte Sprache definiert eine schriftliche Ausdrucksform, die sich durch verständliche Wörter, eine simple Grammatik sowie kurze Sätze auszeichnet. Die Übersetzung von konventionellen zu leichten Texten wird mit KI-Anwendungen vereinfacht und beschleunigt.“

Prof. Dr. Bodo Kraft, Leiter NLP-Lab der FH Aachen und Gründer laizee.ai

 

Als zweites Projektbeispiel gab Prof. Doris Aschenbrenner, CZ:Professorin für „Digitale Methoden in der Produktion" an der Hochschule Aalen, Einblicke in das von ihr mitentwickelte „Pandemic Robot Orchestra“. Die Kunstinstallation mit echten Musikinstrumenten, die eine von einer Künstlichen Intelligenz komponierte Musik spielen, ist ein gemeinsames Projekt der Infinite Devices GmbH und der Hochschule Aalen. 2022 wurde das Projekt im Rahmen des Ideenwettbewerbs „Gemeinsam wird es KI“ der Civic Innovation Platform (CIP) des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS) ausgezeichnet.

Was hat die Ideenfindung inspiriert?

Die Idee für das Projekt „Pandemic Robot Orchestra“ entstand zunächst vor allem aus dem Spaß an der Technik und am gemeinsamen „Tüfteln“ mit den Studierenden. Prof. Doris Aschenbrenner erkannte darin eine Möglichkeit der breiten Öffentlichkeit einen intuitiven Zugang zu KI und Robotik zu ermöglichen. Sie beobachtete große Ängste in der Bevölkerung gegenüber dieser Technologie. Musik und Kunst können einen wichtigen Beitrag leisten, um KI-Anwendungen emotional erfahrbar zu machen und positive Erfahrungen mit ihnen zu vermitteln und Berührungsängste zu nehmen.

Für das „ErLeSen“-Team war der große gesellschaftliche Bedarf an Angeboten in Leichter Sprache, den sie immer wieder wahrnahmen, Auslöser und Motivation dafür, eine technische Lösung zu entwickeln.

Drei Schritte auf dem Weg zur Projektidee

Dr. Paul Springer, Mitbegründer und Geschäftsführer der Non-Profit-Organisation MI4People, teilte als weiterer Experte sein Know-how. Aus seiner Sicht sind bei der Ideenentwicklung für ein gemeinwohlorientiertes KI-Projekt drei Schritte wichtig: Zuerst sollte eine Auseinandersetzung mit der Technologie erfolgen. Auch ohne umfassende KI-Kenntnisse sei es mittlerweile möglich, sich über zahlreiche Quellen und gut aufbereitete Informationen ein grundlegendes Wissen und Verständnis darüber anzueignen. Im zweiten Schritt empfiehlt er, Projekte mit großer Wirkung zu recherchieren, die als Inspiration dienen können. Anschließend kann überprüft werden, welche Arten von KI sich im eigenen Team umsetzen lassen – und dann heiße es loslegen.

„Aktuell wird vor allem über finanzielle Chancen versus. gesellschaftliche Gefahren von KI gesprochen. Wichtig ist aber auch, der Gesellschaft zu vermitteln, dass KI auch für einen guten Zweck eingesetzt werden kann.“

Dr. Paul Springer, Managing Director and Chief Scientific Officer bei MI4People gGmbH 

Herausforderungen und Hindernisse

Auch erfolgreiche Projekte sind auf dem Weg zur Entwicklung und Umsetzung einer Idee mit Herausforderungen konfrontiert. Im Fall von „ErLeSen“ bestand die Hürde zunächst darin, dass nur wenige brauchbare Texte online verfügbar waren. Oft unterschieden sie sich zudem im Grad der Vereinfachung und es gab nicht genügend Datenpaare, da komplizierte Ausgangstexte und Texte in Leichter Sprache nicht immer parallel erstellt werden. Um ausreichend Trainingsdaten generieren zu können, hat die Forschungsgruppe deshalb – mit Hilfe von KI – selbst Ausgangstexte und damit eigene Datensätze entwickelt.

Da das „Pandemic Robot Orchestra“ während der Corona-Pandemie startete, waren die Umstände entsprechend erschwert: Die Teilnehmenden waren an unterschiedlichen Standorten ansässig, konnten nur online zusammenarbeiten und geplante Live-Termine wurden abgesagt. Trotzdem gaben die Beteiligten nicht auf. Eine weitere Herausforderung für gemeinwohlorientierte KI-Anwendungen sieht Prof. Aschenbrenner darin, sie so zu gestalten, dass sie auch von anderen weiterverwendet werden können und nicht in der Schublade verschwinden.

Fragen aus der Community

Die Expert*innen haben während der Veranstaltung Fragen der Zuschauer*innen beantwortet. Unter anderem wurde die Frage gestellt, wie man mit Hemmnissen bei der Sammlung von Daten umgehen könne, die gerade im sozialen Bereich häufig personenbezogen und vielleicht sogar sehr sensibel sind. Dr. Paul Springer stimmte zu, dass die rechtskonforme Datenerhebung mit Hürden verbunden ist, die aber nicht unüberwindbar seien. Wichtig sei es, frühzeitig juristischen Rat einzuholen. Außerdem sei es hilfreich, Personen aus entsprechenden Gruppen (z. B. Forscher*innen) einzubinden.

Eine weitere Frage war, wie es gelingen könne, das richtige Team mit der entsprechenden Expertise zu gewinnen. Hierzu erklärten die Redner*innen, dass man nicht alle Kompetenzen selbst mitbringen müsse. Es gebe zahlreiche engagierte KI-Expert*innen, die sich gerne für gemeinwohlorientierte Projekte einsetzen möchten und Netzwerke, über die man mit ihnen in Verbindung treten kann. Sie verwiesen z. B. auf die Initiative Civic Coding und die jeweiligen Ansprechpartner*innen der Ministerien, aber auch auf Bildungsträger wie Hochschulen und Universitäten, die Unterstützung und eine Plattform für den Kontakt zu Fachexpert*innen bieten. Eine weitere Möglichkeit, um Kontakte zu knüpfen und die eigene Idee vorzustellen, seien Hackathons von Studierenden oder auch in Unternehmen.

Der abschließende Rat unserer Redner*innen, für alle, die vor der Entwicklung einer Idee für ein gemeinwohlorientiertes KI-Projekt stehen: Orientiert euch an erfolgreichen Vorbildern aus der Praxis, sprecht mit anderen über eure Ideen – und dann einfach loslegen!

„Wichtig ist, selber machen und nicht nur zuschauen. Dabei helfen niedrigschwellige Förderungen, wie die von Civic Coding, um schnell in die Umsetzung zu kommen.“

Prof. Dr. Doris Aschenbrenner, Professorin „Digitale Methoden in der Produktion“ an der Hochschule Aalen

Du hast die Veranstaltung verpasst? In der Civic Coding-Community kannst du dir die Aufzeichnung und das Paper zum Thema ansehen – registriere dich jetzt!

Aus der Praxis für die Praxis: In unserem neuen virtuellen Format „Civic Coding-Forum“ stellen wir vorbildhafte gemeinwohlorientierte KI-Projekte vor, die die Vielfalt der möglichen Einsatzfelder zeigen und dazu anregen, eigene Ideen zu entwickeln und umzusetzen. Anhand konkreter Beispiele geben wir Einblicke, wie gemeinwohlorientierte KI-Anwendungen von der Idee bis zum ausgereiften Projekt gestaltet, unterstützt und vorangetrieben werden können.