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Tipps zur Verstetigung von KI-Projekten | Civic Coding-Forum - Civic Coding – Innovationsnetz KI für das Gemeinwohl

Unser Nachbericht zur dritten Ausgabe der virtuellen Veranstaltungsreihe Civic Coding-Forum

Wie ein gemeinwohlorientiertes KI-Projekt langfristig etabliert und verstetigt werden kann, war das Thema unseres dritten Civic Coding-Forums „Gekommen, um zu bleiben – Tipps zur Verstetigung von gemeinwohlorientierten KI-Projekten“ am 28.11.2023. Expert*innen aus der Praxis teilten ihre Erfahrungen und Erkenntnisse und zeigten anhand konkreter Beispiele, wie sie aus einem anfänglichen Projekt eine dauerhafte Anwendung entwickelt haben.

Moderiert wurde die virtuelle Veranstaltung von Nora Zupan von der Civic Coding-Geschäftsstelle. Folgende Expert*innen gaben Einblicke in ihre Projekte und berichteten von Erfolgen und Hindernissen auf dem Weg zur Verstetigung:

  • Dr.-Ing. Holger Dander, Professor für Digitalisierung im Maschinenbau an die Hochschule Niederrhein, Unternehmer und Gründer eines Spin-Off-Unternehmens zur digitalen Teilhabe in Produktionsunternehmen, welches menschenzentrierte Assistenzsysteme zur Verfügung stellt, die unter anderem das Inklusionsgeschehen begünstigen und den Fachkräftemangel kompensieren.
  • Nicole Siebold, Assistant Professor for Entrepreneurship an der Aarhus Universität in Dänemark, Partnerin von Ashoka Deutschland und ehrenamtliche Mitarbeiterin beim Social Entrepreneurship Netzwerk Deutschland e. V. (SEND).

Flexibilität als Schlüssel zum Erfolg

Zu Beginn stellte Prof. Dander „Mobile-Assist – Mobiles Assistenzsystem auf Basis künstlicher Intelligenz“ vor – ein Projekt, welches die Grundlage für ein mobiles Assistenzsystem legte, das mittels Maschine Learning von Nutzenden lernt und wertvolles Fachwissen so erfasst, verarbeitet und verwertet werden, dass es einer nachfolgenden Generation zur Verfügung gestellt werden kann. Dabei ist es so barrierearm und intuitiv bedienbar, dass auch Menschen mit Behinderung davon profitieren. Prof. Dander berichtete, wie sich das Projekt langfristig etablieren konnte. Dabei hob er verschiedene Aspekte hervor, die zur Verstetigung beigetragen haben: Das Projektteam habe bereits Erfahrung in der Entwicklung digitaler Assistenzsysteme gehabt und wusste, welche Zielgruppen relevant sind und wie diese erreicht werden könnten. So wurde bereits seit der Startphase viel Akquise betrieben und ein großes und diverses Netzwerk aufgebaut. Die verschiedenen Interessenvertreter*innen und (Sozial)Unternehmen hatten selbst großes Interesse am Vorhaben des Projektes. Daher konnte die Umsetzung frühzeitigfinanziert und damit auch die Verstetigung gesichert werden. Als wichtigsten Punkt für den Erfolg nannte Prof. Dander jedoch die Flexibilität und Offenheit im Projektverlauf für neue Ideen und die Anpassung an die Bedürfnisse und die Nachfrage im Markt. So konnte die ursprüngliche Projektidee von Mobile Assist kontinuierlich weitergedacht, weiterentwickelt und in ein ganzheitliches Wissenssystem überführt werden, das nun auf die aktuellen Herausforderungen des Fachkräftemangels ausgerichtet sei.

„Wichtig ist, dass sich das Thema immer wieder neu erfunden und entwickelt hat. Ich glaube, das ist ein ganz wichtiger Punkt bei der Verstetigung von Projekten, dass man die Thematik in einem Netzwerk diskutiert und schaut, wie kann sie weiterentwickelt werden und wo kann die Reise hingehen.“

Prof. Dr.-Ing. Holger Dander, Geschäftsführer von Sensrec Service und Professor für Digitalisierung im Maschinenbau

Entscheidend für die Etablierung des Projektes sei auch die Fokussierung auf die Zielgruppen gewesen. Einerseits seien durch gutes Storytelling Unternehmer*innen gezielt angesprochen und von der Idee überzeugt worden. Andererseits wurden auch die Endnutzer*innen im gesamten Projektverlauf immer wieder in die Entwicklung einbezogen. So wurde die neue Technik beispielsweise standardmäßig von Menschen mit Lernschwäche oder Behinderung begutachtet und bewertet. Das Feedback beziehe das Team in die Produktentwicklung ein und entwickele die Technik so weiter, dass sie möglichst barrierearm ist.

Etablierung und Verstetigung: Herausforderungen für gemeinwohlorientierte KI-Projekte

Auch Dr. Siebold gab Einblicke in ihre Arbeit und berichtete über ihre Erfahrungen hinsichtlich der Verstetigung von gemeinwohlorientierten KI-Projekten. Im Rahmen einer Forschungsarbeit untersuchte sie den Einsatz von KI in Social Start-ups – jungen Sozialunternehmen, die mithilfe der Technologie und unternehmerischer Lösungen soziale Missstände bekämpfen möchten. Als eine der größten Herausforderungen für gemeinwohlorientierte KI-Projekte benannte sie eine Ressourcenlücke in zwei Bereichen: Einen Personalmangel im Bereich Data Analytics und einen Mangel an benötigten Rechnerkapazitäten. Diese Defizite führen dazu, dass insbesondere junge gemeinwohlorientierte Unternehmen oder Projekte nicht wettbewerbsfähig seien, so Dr. Siebold.

Eine weitere Herausforderung sei eine Vertrauenslücke gegenüber KI-Systemen: Menschen übertragen ihre verzerrten Sichtweisen meist unabsichtlich auf die von ihnen entwickelten KI-Anwendung. Insbesondere bei der Bekämpfung von gesellschaftlichen Missständen sei eine verzerrte Datenlage problematisch. Daher gelte es, die gesellschaftlich vorhandenen Bias systematisch zu prüfen und zu entfernen, damit eine KI-Anwendung allen Menschen/Gruppen dient und keine Verzerrungen transportiere. Hinzu komme das Blackbox-Problem: Oft sei nicht nachvollziehbar und erklärbar, wie KI-Systeme zu Ergebnissen kommen. Das mache es teilweise sehr schwierig, auf Basis einer KI-Empfehlung wichtige Entscheidungen zu treffen.

„Es ist gesellschaftlich notwendig – auch als Gegengewicht zu KI-Anwendungen in Bereichen wie Sicherheit und Gefahrenabwehr – eine KI zu entwickeln, die uns als Menschen im positiven Sinne dient.“

Dr. Nicole Siebold, Assistant Professor for Entrepreneurship und ehrenamtliche Mitarbeiterin beim Social Entrepreneurship Netzwerk Deutschland e. V. (SEND)

Tipps und Lösungsvorschläge für eine erfolgreiche Verstetigung

Zur Bewältigung der Herausforderungen empfiehlt Dr. Siebold einen engen Austausch mit Stakeholder*innen – vor allem aus Politik, Wirtschaft und Forschung – sowie eine Wirkungsmessung auf allen Ebenen und eine konsequente Prüfung und Beschränkung der verwendeten Daten, um einen ethisch verantwortungsvollen Umgang mit KI gewährleisten zu können.

Wichtig sei in jedem Fall, immer den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen und die Technologie menschenzentriert zu denken, betonte Prof. Dander: „Gerade bei künstlicher Intelligenz ist die sogenannte soziotechnische Systemgestaltung ein entscheidender Faktor“. Dazu gehöre es auch, den Menschen die Ängste und Sorgen im Umgang mit KI zu nehmen, sie zu beraten und aufzuklären.

Auch Dr. Siebold hält eine „Human-Centric View“ entlang der gesamten Wertschöpfungskette für KI-Anwendungen für essenziell. Dies gelte für alle Bereiche und Maßnahmen, was aber nicht bedeute, dass die Verfolgung wirtschaftlicher Interessen nicht ebenfalls relevant sei: „Wichtig ist immer, Gewinn als Mittel zum Zweck zu verstehen, ähnlich wie auch den Einsatz von Technologie“.

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